Texte & Bilder

„Wetterkarte“, Aquarell von Claudia Seibert aus dem Zyklus Klimastücke vom 18.01.2021

Wetterkarte

Dem Wetterfrosch dreht sich um der Magen,
er lässt es regnen warm und leicht.
Wasserfäden in dezenten Farben,
ein Regenbogen, so weit das Auge reicht.

Die Nacht verschlingt den müden Himmel,
teilt die Welt in blau und grün.
Die Wolkenherde im Luftgewimmel
zieht vorüber wie ein Ungetüm.

Dicke Hosen an der Wäscheleine,
träumen melancholisch vor sich hin.
Verschnupfte Taschentücher, so alleine
wie die empfindsame Malerin.

6.2.2021

***

Auf dünnem Eis

Unendliche Weiten bis zum Horizont.
Auf einem alten, fast verblassten Foto
war die Landschaft
noch gleißend weiß,
mit tiefblauen Eisblöcken, groß
wie Felsen, klirrend die Kälte
und keine Spur von Wasser.

Ein Jäger, allein unterwegs
und auf der Suche nach
einem Bär, den er erlegen kann.
Seine Schlittenhunde geben alles,
ziehen mit ihm in die Ferne,
bringen ihn hoffentlich
wohlbehalten zurück.

Der Sommer kommt früh in diesem Jahr
und im nächsten vielleicht noch früher.
Die treuen Hunde ziehen den Schlitten
durch das geschmolzene Wasser.
Unter den Kufen bewegt sich
vom aufgewühlten Meer das Eis.

Die mächtigen Wellen
heben das Schlittengespann
in die Höhe, lassen es
knirschend wieder sinken.
„Etwas stimmt hier nicht –
das große Eis ist krank“,
klagt der Jäger und denkt
darüber nach, wie zerbrechlich
die Welt geworden ist.

16.1.2021 / Unter Verwendung eines Essays von Stefan Wagner über die schmelzende Welt Grönlands und den Fotografen Ragnar Axelsson, Süddeutsche Zeitung vom 2./3. Januar 2021

„Auf dünnem Eis“, Aquarell von Claudia Seibert aus dem Zyklus Klimastücke vom 19.01.2021