Ein Buchkapitel

Aus: Das Zirkusmädchen mit der langen Nase
Erscheint im Sommer 2021
Bilder: Roswitha Raach

Eine arme Socke

Fränzi stand in einer Waldlichtung. Das Blau des Himmels und das Grün der Pflanzen leuchteten kräftiger als gewöhnlich. Sie zweifelte, ob die Dinge überhaupt echt waren, ging zu einem Baum und strich über den Stamm. Abgesehen von einem kastaniengroßen Loch fühlte sich die Rinde holzig an. Um zu prüfen, ob sie selbst ein Mädchen war und aus Fleisch und Blut bestand, kniff sie sich fest in die Wange. „Aua!“, rief sie, denn ihr Zwicken verursachte einen stechenden Schmerz.

Bevor Fränzi weiterlief, rief jemand: „Hey Mädchen, warte mal.“ Im gleichen Moment bewegte sich etwas auf ihrer Schulter. Sie wandte den Kopf zur Seite und erblickte ein Männchen. Es war nicht größer als ihr kleiner Finger und hatte einen grünen Hut, einen grünen Mantel sowie grüne Lederstiefel an.

„Was stehst du hier herum und schreist aua?“, fragte das Männchen. Ohne eine Antwort abzuwarten, fuhr es fort: „Aber du hast es gut, denn du bist wenigstens normal.“
„Wie meinst du das?“, wollte Fränzi wissen.
„Im Gegensatz zu dir bin ich viel zu klein und daher eine arme Socke“, jammerte das Männchen.
„Eine Socke?“, fragte Fränzi.

„Du musst nicht alles wörtlich nehmen“, erklärte das Männchen und schien etwas ungehalten darüber, dass Fränzi nicht sofort verstand, was gemeint war. „Natürlich bin ich keine Socke, wie jeder unschwer erkennen kann. Aber ich bin verdammt bemitleidenswert. Aufgrund meiner Kleinwüchsigkeit nimmt kaum jemand Notiz von mir. Ich habe keine Freunde, denn mit so einem Winzling wie mir gibt sich keiner ab. Nebenbei bemerkt: Ich heiße Adam Plazisaer. Weil mein zweiter Name so kompliziert ist, kannst du mich einfach Adam nennen.“

Fränzi war neugierig geworden und stellte sich ebenfalls vor. „Ich heiße Fränzi und habe auch keine Freunde“, sagte sie. „Und weißt du, warum nicht?“ Adam schüttelte den Kopf. „Nur weil meine Nase so lang ist“, fügte Fränzi klagend hinzu.
Adam musterte sie. „Deine Nase ist nicht nur lang, sie hat unten einen Knick“, stellte er fest. Fränzi nickte traurig. „Leider!“

„Ich finde, sie passt zu dir“, entgegnete Adam und zeigte auf die Nasenspitze. „Darf ich da mal drauf?“, fragte er. „Das wäre ein idealer Platz für mich zum Musizieren.“ Fränzi fand den kleinen Kerl possierlich. Und bestimmt war er auch ein bisschen  verrückt, was ihr gefiel. „Meinetwegen“, sagte sie.

Adam griff sich eine von Fränzis Haarlocken und hielt sich daran mit beiden Händen fest. Er nahm Anlauf und schwang sich wie mit einer Liane auf den Nasenrücken. Als er sich gesetzt hatte, erinnerte er an einen Indianerhäuptling, der durch die Prärie ritt.

Damit der kleine Kerl, der sich nirgends festhalten konnte, nicht so leicht herunterfiel, blieb Fränzi stehen. Sie hatte ihn nun ganz nah und daher ein wenig unscharf vor Augen. Aber sie konnte erkennen, wie er eine Steinflöte aus seiner Jackentasche zog und anfing darauf zu spielen. Voller Inbrunst entlockte er dem ungewöhnlichen Instrument wundervolle Töne, die an den Gesang von Vögeln erinnerten. Um genügend Luft zu bekommen, blies er seine Backen auf. Und sein elastischer Köper wiegte sich hingebungsvoll im Rhythmus. Gemessen an der geringen Größe von Spieler und Flöte erklang das Musikstück in hoher Lautstärke. Diesbezüglich hätte Adam es mit jedem erwachsenen Mitglied eines Sinfonieorchesters aufnehmen können, wobei er dessen Kunstfertigkeit vielleicht sogar noch übertraf. 

Als er das Instrument absetzte, fragte er: „Spürst du schon etwas?“ Er hockte immer noch auf Fränzis Nasenspitze. Diese sah ihn schielend an. „Was sollte ich denn spüren?“, wollte sie von ihm wissen.

„Meine Musik sorgt dafür, dass du deine Nase so akzeptierst, wie sie ist“, sagte er schmunzelnd. „Ich bin nämlich ein Nasenbeschwörer!“
„Netter Versuch, mich zu veräppeln“, sagte Fränzi. „Aber egal, dein Stück war wirklich toll!“
„Danke!“, sagte Adam und ließ seine Flöte verschwinden. Erneut packte er sich eine von Fränzis Locken, was ein leichtes Zwicken in ihrem Kopf verursachte. Er hielt sich fest und schwang sich auf ihre Schulter zurück.

Fränzi war im Begriff weiterzugehen, da vernahm sie einen monotonen Singsang. Sie schaute besorgt in den Himmel. „Auweia, jetzt müssen wir uns auf das Schlimmste gefasst machen“, sagte sie zu Adam. „Die Sirenen der Lüfte sind im Anflug. Sie tun sehr freundlich, aber in Wirklichkeit wollen sie unsere Träume rauben. Und wenn wir nicht aufpassen, dann nehmen sie uns mit …“

Adam unterbrach sie. „Reg dich ab“, sagte er. „Ich weiß, wie man die Biester gebührend empfängt und werde schon mit ihnen fertig. Du darfst dich nur nicht von ihnen einlullen lassen.“ Er schnappte sich eine Haarsträhne, hangelte sich daran hoch, krabbelte auf Fränzis Ohr und versteckte sich dort hinter dicken Locken.

Die zunächst niedlich aussehenden Sirenen flogen Fränzi um den Kopf herum. Während die Weibchen auf den Harfen musizierten und ihren einschmeichelnden Singsang herunterleierten, redeten die Männchen mit salbungsvollen Stimmen auf Fränzi ein. „Endlich haben wir uns wiedergefunden, liebste Freundin“, säuselten sie. „Du bist so ein feines Mädchen. Schenk uns dein Vertrauen und komm in unsere Obhut, damit wir dich in eine wunderbare Prinzessin verwandeln können.“

Fränzi wurde schwindelig. Sie spürte, wie ihre Kräfte schwanden. „Lasst mich in Ruhe, ich weiß längst, wer ihr seid!“,  wollte sie ausrufen. Aber ihr Mund war wie zugeschnürt, und sie bekam keinen Ton heraus. Es fehlte nicht viel, und sie wäre vor Schwäche zusammengesunken.

Adam, der sich nach wie vor versteckt hielt, meldete sich zu Wort, wobei er die schmeichlerischen Stimmen der Sirenenmännchen nachäffte. „Ich kann mir nichts Besseres vorstellen, als mich von grässlichen Kobolden abschleppen zu lassen“, wisperte er. „Und ich träume schon lange davon, versklavt zu werden und für euch die Drecks­­arbeit zu machen!“

Die Sirenen schauten für einen Moment verunsichert. Da sie Adam nicht sehen konnten, glaubten sie, Fränzis innere Stimme zu hören. Aber so schnell gaben sie ihren Plan nicht auf, sie zu entführen. „Wer behauptet denn so etwas, allerliebste Freundin“, raspelten die Sirenen weiter Süßholz. „Nie würden wir dir ein Haar krümmen. Im Gegenteil, wir möchten dein Leben in positive Bahnen lenken, dir unendliche Schönheit angedeihen lassen und dich auf ewig glücklich machen.“

Fränzis Schwindelgefühle wurden noch heftiger, und ihr Mund blieb wie gelähmt. Wäre sie allein gewesen, dann hätten die Sirenen sie widerstandslos entführen können. Fränzi wäre wie hypnotisiert in Ohnmacht gefallen. Die Sirenen hätten sie mit ihren scharfen Krallen gepackt. Ohne es zu merken, hätten sie ihren wehrlosen Körper in die Höhe gezogen und wären mit ihm davongeflogen.

Aber so kam es nicht, denn Adam kroch aus Fränzis Lockenkopf hervor, schwang sich mit einer Haar-Liane auf ihre Nase und zog seine Flöte aus der Tasche. Noch kräftiger als beim ersten Mal blies er die Backen auf und brachte sehr laute, schräge Töne hervor. Seine Musik kam dem Singsang der Sirenen mächtig in die Quere. Die Weibchen ließen vor Schreck ihre Harfen fallen. Sie hielten sich, wie die Männchen übrigens auch, mit beiden Pfoten fest die Ohren zu. Ihre Gesichter verwandelten sich augenblicklich. An die Stelle der puppenartigen Gefälligkeit kamen ihre hässlichen Seiten zum Vorschein. In den Mäulern bildeten sich Vampirzähne. Herzlos starrten ihre Glubschaugen ins Leere. Bei jedem Ton aus Adams Flöte mussten sie sich schütteln. Kurz: Adams Musik wurden ihnen uner­träglich. Sie gaben zwar noch einige verzweifelte Zischlaute von sich. Aber es nutzte ihnen nichts. Angewidert drehten sie ab und suchten das Weite. „Ich hoffe, Sie beehren uns bald wieder!“, rief Adam ihnen übertrieben freundlich hinterher.

Kaum waren die Sirenen fort, ließen Fränzis Schwindelgefühle nach, und sie konnte wieder sprechen. „Danke, Adam“, sagte sie, „den gemeinen Sirenen hast du aber im wahren Sinne des Wortes die Flötentöne beigebracht!“

Adam nickte zufrieden. „Leider kann ich sie nicht für immer vertreiben“, stellte er fest. „Sie können jederzeit zurückkommen, und du must dich vor ihnen in Acht nehmen. Sollten sie dich erneut belästigen, dann kommst du am besten zu mir. Ich wohne dort drüben.“ Er zeigte auf den Baum mit dem Loch in der Rinde. Da Fränzi nur einige Schritte gelaufen war, lag der Baum nicht weit entfernt. „Am besten bringst du mich nach Hause“, bat Adam. „Was für dich nur ein Katzensprung ist, wäre für mich ein sehr weiter Weg.“

Fränzi lief zu dem Baum. Es waren in der Tat nur einige Schritte. Sie entdeckte eine Strickleiter, die vom Erdboden zu dem Loch führte. Bei der Öffnung musste es sich folglich um den Eingang zu Adams Behausung handeln.

„Hier wohnst du also“, sagte Fränzi staunend. Sie führte ihre Hand an die Schulter. Adam kletterte auf ihre Finger. Vorsichtig schob Fränzi die Hand zum Eingang, so dass Adam in seine Baumhöhle steigen konnte.  Fränzi verlor ihn aus den Augen. „Darf ich mal gucken, wie es bei dir aussieht?“, fragte sie. „Gerne“, hörte sie Adam rufen.

Fränzi hielt sich ein Auge zu. Mit dem anderen spähte sie durch das Loch. Die Baumhöhle wirkte geräumiger, als man gedacht hätte. An einer Seite stand ein Bett, auf der anderen ein Tisch mit einem Stuhl. Die Schranktür stand offen und einige Anziehsachen waren auf dem Boden verteilt. Besonders gut aufgeräumt war es in der Höhle nicht. Trotzdem wirkte es darin sehr gemütlich. Auch an Spielzeug mangelte es nicht. Überall lagen Bausteine, Autos, Malstifte und andere Dinge herum, die allerdings so winzig waren, das Fränzi sie teilweise nur noch erahnen konnte.

„Ich muss jetzt eine Runde schlafen“, sagte Adam gähnend. „Hat mich gefreut, deine Bekanntschaft gemacht zu haben. Und ich hoffe, dass man sich bald wiedersieht.“ Er zog sich die Stiefel und die Jacke aus und ließ sich halb angezogen aufs Bett fallen.

„Hat mich ebenfalls sehr gefreut“, sagte Fränzi. Einen Moment äugte sie noch in die Höhle. Als sie sah, wie dem kleinen Adam vor Müdigkeit die Augen zufielen, machte sie sich auf den Weg. Sie war ja gerade erst angekommen und hatte fast noch nichts gesehen.