Neues Kinderbuchprojekt

Zum ersten Mal schreibe ich Tiergeschichten. Im Mittelpunkt steht die junge Löwin Luna. In ihrem Rudel herrscht „Das Recht des Stärkeren“, worunter das Löwenmädchen leidet. Daher macht es sich auf den Weg, um nach dem „Pfad des Respekts“ zu suchen, von dem die Großmutter erzählt hat. Unterwegs trifft Luna andere Tiere, zum Beispiel das Zebra Winni (siehe unten). In den Begegnungen rücken Fragen des Zusammenlebens in den Fokus. Neben der Freude an spannenden Abenteuern regen Lunas Geschichten dazu an, sich mit Themen wie Freundschaft und Streit, Distanz und Nähe, Wut und Macht auseinanderzusetzen.

Auslöser war ein Auftrag der Kinder- und Jugendförderung der Stadt Coesfeld, für einen Kinderrechte-Parcours vier Geschichten zu verfassen. Ich war sofort Feuer und Flamme und habe beschlossen, weitere Luna-Geschichten zu schreiben und ein Buch daraus zu entwickeln, das 2026 erscheinen soll.

Geplant ist auch ein Vorleseprogramm mit dem Titel „Respekt – Tiergeschichten mit Musik“. Michael Kofort setzt die Geschichten mit der Handpan und anderen Instrumenten musikalisch um. Die Bilder, die während der Lesungen per Beamer oder Großbildschirm gezeigt werden, malt Roswitha Raach, die auch meine bisherigen Kinderbücher illustriert hat.

Warum das Zebra seine Streifen zählt

Geschichte: Rudolf Gier / Bild: Roswitha Raach

Die junge Löwin Luna war schon eine Zeit lang unterwegs. Ihre Ausdauer hatte merklich nachgelassen. Sie erinnerte sich daran, wie gern sie mit ihrer Mama auf dem Ast eines Baumes ausgeruht hatte. Sie hatte ihre Nase an den Körper der Mama gerieben, sich durchs Gesicht lecken lassen und war glücklich gewesen. Indem Luna sich solche Momente ausmalte, verschlechterte sich ihre Laune. Betrübt schlenderte sie weiter, auf der Suche nach dem Pfad des Respekts, den es vielleicht nicht einmal gab. Die Sonne war aufgegangen und blendete. Luna wurde fast schwindelig. Schwarzweiße Streifen flimmerten am Horizont.

„Sehe ich eine Fata Morgana, oder was ist mit mir los?“, dachte sie. Aber dann entdeckte sie das Zebra. Es stand im Schatten einer Baumgruppe am See und starrte vor sich hin. Luna gesellte sich dazu. Sie hatte Durst und trank Wasser. Das Zebra drehte sich, bis es mit der Flanke zum Ufer stand. Erst jetzt fiel Luna auf, dass das Zebra unaufhörlich sein Spiegelbild betrachtete. Sie sah, dass der Körper des Zebras ein wenig zitterte.

„Was machst du?“, fragte sie.

Ohne Luna anzusehen, sagte das Zebra: „Ich zähle die Streifen auf meinem Fell.“

„Warum denn das?“, hakte Luna nach.

„Weil ich schrecklich wütend bin“, erklärte das Zebra. „Die Streifenzählerei lenkt mich ab und verhindert einen Wutanfall. Du musst wissen: Am liebsten würde ich jeden umrempeln, der mir in die Quere kommt.“

Luna erfuhr, dass das Zebra Winni hieß. Er hatte bei einem Wettrennen verloren, was eigentlich nicht schlimm war. Aber die anderen Zebras hatten ihn ausgelacht. Beinahe hätte er seine Freunde, mit denen er aneinandergeraten war, verletzt. Schon öfter hatte Winni im Streit fuchsteufelswild ausgeschlagen. Um nicht wieder die Kontrolle über sich zu verlieren, hatte er sich zurückgezogen. Seine Streifen zu zählen, beruhigte ihn.

Luna imponierte Winnis Strategie. Außerdem gefiel ihr sein Fell.

„Wie viele Streifen hast du denn?“, wollte sie wissen.

„Jetzt habe ich mich verzählt“, sagte Winni. „Ach, egal, mit dir zu reden, lenkt mich ebenfalls ab von meiner Wut.“ Winni wandte sich zu Luna. Der Ärger war aus seinem Gesicht gewichen und hatte Platz gemacht für eine Portion Schwermut. Der Streit mit seinen Freunden hatte nicht nur Angriffslüste ausgelöst. Kaum war die Wut abgeklungen, fühlte er sich deprimiert. Seine Augen unterdrückten Tränen und musterten Luna.

„Da haben sich die Richtigen getroffen“, sagte Winni. „Du scheinst ja noch trauriger zu sein als ich, und das ist gar nicht so einfach.“

Luna nickte, denn auch ihr Herz wurde schwer. Da Winni nicht nur leidend, sondern zugleich vertrauenswürdig ausschaute, fing Luna an, sich ihren Kummer von der Seele zu reden. Ihre ganze Geschichte breitete sie vor Winni aus. Sie erzählte, wie sie von den anderen Löwen gemobbt wurde, und dass ihr niemand zur Seite stand. „Leider habe ich nicht gewagt, mich zu wehren, und bin weggegangen. Nun kommt es mir so vor, als wäre ich ganz allein auf der Welt. So sehr ich auch über mein Rudel schimpfen muss – ich habe schreckliches Heimweh, vor allem nach meiner Mama.“

Winni trat zu Luna und beschnupperte sie. Luna leckte an Winnis Ohr. Schließlich rieben die zwei ihre Gesichter aneinander.

„Oh, das hat gutgetan“, sagte Luna. „Jetzt geht es mir schon wieder besser.“

„Mir auch“, sagte Winni.

Eine Weile standen die beiden schweigend da. Luna musterte Winnis Streifen, die sein Fell von Kopf bis Fuß schmückten. Sie versuchte, die Streifen zu zählen. Weil es so viele waren, kam sie durcheinander. Staunend sagte sie: „Dein Fell ist phänomenal!“

Luna sah, dass Winni nicht nur traurig gucken, sondern auch lächeln konnte. Sein Mund zog sich ein bisschen in die Breite.

„Wir Zebras haben Schwein gehabt“, sagte er. „Als Gott die Welt erschuf, hat er es mit uns besonders gut gemeint. Er machte uns zu den schönsten Wesen im gesamten Tierreich.“

Winni ließ seinen Blick zu Luna wandern, musterte sie und bemerkte: „Auch mit dir hat Gott es gut gemeint, denn er hat dir braunes Fell und wunderschöne bernsteinfarbene Augen geschenkt.“

Luna und Winni traten an den See und bewunderten ihre Spiegelbilder. „Das Beste ist, das wir überhaupt nicht eingebildet sind“, rief Winni. Und dann prusteten die beiden los und konnten nicht aufhören zu lachen.